Peter Bertau - Arbeiten über Lorenz Oken

 

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Inhaltsverzeichnis

 

 

BEARBEITUNG

EINZELNER VOGELTAFELN

 

 

AUS LORENZ OKENS BILDBAND

 

 

ZUR

ALLGEMEINEN NATURGESCHICHTE FÜR ALLE STÄNDE

 

 

VON

PETER BERTAU

 

 

 

 

1. Tafel 72

 

Einleitung

 

Damit die populären Bücher von Lorenz Oken nicht ganz in Vergessenheit geraten, habe ich begonnen, Tafeln aus dem Bildband zur Allgemeinen Naturgeschichte für alle Stände zu bearbeiten.

Am Anfang stehen die 21 Vogeltafeln, auf denen 195 Vögel abgebildet sind.

Ich habe die alten Vogelnamen in die heutigen Benennungen überführt und diese in die Überschriften gesetzt. Darunter erscheinen die Namen, die Oken angeführt hat. Dabei fällt auf, daß derselbe Vogel im Lehrbuch aus dem Jahr 1833 oft einen anderen Namen hat als im Bildband von 1843.

Die Bücher von Okens Naturgeschichte sind ganz ohne Bilder. Ich habe deshalb zu jedem Vogelbild Okens Beschreibung herausgesucht und sie hier wiedergegeben. Es erschien mir wichtig, Okens Erzählstil so vollständig wie möglich zu übernehmen. Zusätze, die dem besseren Verständnis dienen sollen, erscheinen in [...]. Aus langen Sätzen wurden bisweilen mehrere gemacht, ohne den Wortlaut zu verändern. Auch erscheinen Absätze, wo Oken keine hatte. Rechtschreibung und Grammatik wurden beibehalten, ebenso die Maße, die unten erklärt werden.

Zusätze, die Okens Texte ergänzen sollen, erscheinen in kursiver Schrift. Kürzungen erhielten Punkte: ..., was vor allen Dingen die vielen Literaturangaben betraf.

Dem Leser werden möglicherweise Unterschiede zu heutigen Vogelbeschreibungen auffallen. Ich habe es mir ausdrücklich nicht zur Aufgabe gemacht, die Texte zu korrigieren. Ich wollte Oken möglichst original wiedergeben, in der zusätzlichen Hoffnung, daß das Lesen über das Verhalten oder die Haltung von Vögeln, aber auch Geschichten z.B. aus der Römerzeit, die man heute nicht mehr in unserer normalen Fachliteratur findet, Spaß macht. Außerdem wollte ich einen kleinen Eindruck vom enormen Wissen aus der Zeit Okens vor etwa 200 Jahren vermitteln, das sich - meiner Meinung nach - lohnt, bewahrt zu werden.

Maße: 1 Schuh = 1 Fuß = 10 (-12) Zoll = (24-) 30 (-32) cm

Geld: 1 Florin = 1 Gulden, der etwa 3,5g reines Gold enthielt.

 

 

Bild - Tafel 72

 

1. Wintergoldhähnchen (Regulus regulus)

Bei Oken: Zaunkönig oder Goldhähnchen (Troglodytes regulus)

2. Zaunkönig (Troglodytes troglodytes)

Bei Oken: Zaunschlüpfer oder Winter-Zaunkönig (Troglodytes punctatus)

3. Nachtigall (Luscinia megarhynchos)

Bei Oken: Nachtigall (Curruca luscinia)

4. Gartenrotschwanz (Phoenicurus phoenicurus)

Bei Oken: Gartenrothschwanz (Sylvia phoenicurus)

5. Steinschmätzer (Oenanthe oenanthe)

Bei Oken: Weißschwänziger Steinschmätzer (Saxicola oenanthe)

6. Bachstelze (Motacilla alba)

Bei Oken: Weiße Bachstelze (Motacilla alba)

7. Alpenbraunelle (Prunella collaris)

Bei Oken: Fluhvogel (Accentor alpinus)

8. Wacholderdrossel (Turdus pilaris)

Bei Oken: Krammetsvogel (Turdus pilaris)

9. Rosenstar (Sturnus roseus)

Bei Oken: Rosendrossel (Gracula rosea)

10. Pirol (Oriolus oriolus)

Bei Oken: Goldamsel (Oriolus galbula)

11. Kahlkopfatzel (Sarcops calvus)

Bei Oken: Kahlamsel (Gymnops calvus)

12. Graurücken-Leierschwanz (Menura novaehollandia)

Bei Oken: Leyerschwanz (Menura superba)

 


 

 

 

 

1. Wintergoldhähnchen (Regulus regulus)

Bei Oken: Der Zaunkönig oder das Goldhähnchen (Troglodytes regulus,

im Buch: Sylvia regulus)

 

 

 

 


...ist der kleinste Vogel in Europa und heißt daher auch der europäische Colibri, nur 31/2 ... Zoll lang, oben zeisiggrün, Haube gelb mit schwarzer Einfassung; Naslöcher oval mit einer Borstenfeder bedeckt.

[Das Wintergoldhähnchen] findet sich, wie es scheint, in der ganzen Welt, wenigstens bis ins kälteste Europa hinauf; bey uns in Menge in den Schwarzwäldern, von wo sie des Winters in die Gärten kommen und die Baumknospen von den Insecten-Eyern reinigen, und schwebend wie die Colibri, die Insecten von der untern Seite der Aeste ablesen; sie fressen auch Fichtensamen. Aus nördlichern Gegenden ziehen sie südlich, und bey ihrer Rückkehr im Frühjahr wimmeln sodann die Hecken von ihren Zügen 14 Tage lang. Sie sind sehr munter und lebhaft, flattern von einem Baum zu andern, hängen sich verkehrt an die Spitzen der Zweige, zwitschern das ganze Jahr lang und locken zit,zit. [Sie] sind nicht scheu und lassen sich mit dem Stock erschlagen. Man fängt sie oft auf dem Tränkherd, wo sie nach Sonnenuntergang ankommen. Sie werden schon in wenigen Tagen so zahm, sie Mucken aus der Hand fressen. Anfangs gibt man ihnen Ameisenpuppen und Mehlwürmer, und dann abwechselnd das sogenannte Universalfutter, aber keinen Rübsamen. Auf diese Art kann man sie lang erhalten. Des Abendssetzen sie sich der Reihe nach auf den Tannengipfel, welchen man ihnen hinstellt...

 

2. Zaunkönig (Troglodytes troglodytes)

Bei Oken: Der Zaunschlüpfer oder der Winter-Zaunkönig

(Troglodytes punctatus,im Buch: Sylvia troglodytes)

 

 

 

... ist fast 4 Zoll lang, schmutzig rostbraun mit dunkleren Querstreifen. Flügel und der keilförmige Schwanz [sind] kurz mit schwarzen Bändern.

Er findet sich überall in gebirgigen Waldungen mit Bächen, zieht (sich) im Herbst in die Gärten, wo er auch im Winter bleibt, indem ihn sein warmes Gefieder gegen die Kälte schützt. [Er] holt Insecten aus Höhlen und Ritzen, und kriecht daher immer in hohlen Bäumen und andern Winkeln umher, wie eine Maus, daher er auch Baumschlüpfer heißt. Im Herbst frißt er auch Holunderbeeren, im Winter Insecten von Holzstößen, Scheuern unter abgefallenem Laub u. dergl. Er trägt den Schwanz hoch, macht beständig Bücklinge, fliegt kurz und niederig [und] hat eine starke angenehme Stimme, die er selbst im Winter hören läßt; einiges davon erinnert an den Canarienvogel.

Sein Nest findet man in Erdklüften, Baumhöhlen, Strohdächern und dicken Hecken. Es ist sehr künstlich, kugelförmig, dicht aus Moos gewoben, mit Haaren, Wolle oder Federn ausgefüttert und von viel Genist umgeben; das Loch oben oder zur Seite. Sie brüten zweymal abwechselnd auf 8 weißen Eyern mit einigen rothen Düpfeln 13 Tage lang. Nicht selten legt ein Guckguck ein Ey in ihr Nest, und wirft ihnen die ihrigen heraus.

Man kann sie des Winters im Meisenschlag leicht fangen, aber schwer ernähren und selten über ein Jahr erhalten; nach und nach gewöhnen sie sich an das Nachtigallenfutter....

 

 

3. Nachtigall (Luscinia megarhynchos)

Bei Oken: Die Nachtigal (Curruca luscinia,

Im Buch: Sylvia luscinia)

 

 

 

 ... ist von der Größe des Sperlings,... röthlichgrau, unten hellgrau, Schwanz rothbraun,..., Füße bräunlich fleischroth.

Die Nachtigal findet sich in ganz Europa und im gemäßigten Asien. ...[Sie] wird für den besten und lieblichsten Sänger unter allen Vögeln der Erde gahalten... Sonderbar ist es, daß sie in manchen Gegenden nicht vorkommen, wo man sie doch, den Umständen nach, vermuthen sollte. So ist sie in Schwaben und der Schweiz selten, während sie doch am Rhein und an der Donau, und selbst im nördlichen Deutschland und in Schweden häufig vorkommen. Man glaubt, daß sie die Nachbarschaft steiler Gebirge meiden.

Sie kommen im April einzeln und halten sich von Strecke zu Strecke auf, je nach dem Wetter. Sie streichen schon im August von einem Gebüsch zum andern und gehen allmählich fort. Um diese Zeit kann man sie in Sprenkeln [Geräte zu Fangen von Kleinvögeln] mit Johannis- und Holunderbeeren fangen...

...Die Jungen verlassen, sobald sie können, das Nest, verstecken sich im Gebüsch und zwitschern, um sich den Eltern anzuzeigen. Man hält die hellern für die Männchen...

Die Jungen füttert man [in der Gefangenschaft] mit Ameisenpuppen, Semmeln in Milch eingeweicht und gewöhnt sie allmählich an das Universalfutter, gibt ihnen indessen manchmal Ameisenpuppen, Mehlwürmer, gestoßenen aber reifen Hanf, jedoch nicht viel. In der Noth kann man ihnen gekochtes Rinderherz, Möhren [und] harte Eyer mit Semmel geben. Wenn sie aber gut singen sollen, so müssen sie täglich Ameisenpuppen oder einige Mehlwürmer bekommen.

Nicht selten verkauft man dafür [anstelle der Nachtigallen] Weibchen des Rothschwänzchens (Syl[via] phoenicurus); diese sind aber immer kleiner, dunkler, der Schwanz heller, die 2 mittlern Federn aber schwärzlich; [sie] zittern mit demselben und tragen sich nicht so hoch wie die Nachtigal. Diese hüpft geschwind auf die Insecten zu, betrachtet sie aber, ehe sie angreift.

Sie pfeifen oft w i t, locken schnarrend k ä r r , in der Fröhlichkeit rufen sie fied und tack. Im Zorn schreien sie fast wie das Mauen der Katzen [und] zur Paarungszeit jagen sie sich mit einem leisen Gezwitscher. Das Männchen hat ein sehr starkes, schmetterndes Gesang, welches man Schlag nennt und wegen seiner Melodie und Manchfaltigkeit ungemein gern hört. Sein Lied hat eine Menge Strophen, die bald minutenlang melancholisch gezogen werden und immer stärker wachsen, bald schmettern und sanft endigen.

B e c h s t e i n [1789] hat 25 dergleichen Strophen unterschieden und dieselben durch Sylben auszudrücken gesucht, welche alle Vokale und eine Menge Konsonanten enthalten. Daher schon die Alten von ihnen sagten, sie könnten griechisch oder lateinisch sprechen. B a r r i n g t o n hat sie in Noten gesetzt.

Es gibt Menschen, welche mit einem blechernen Instrumente, der sogenannten Klutter, indem sie dieselbe zwischen die Zunge nehmen, die Lieder der Vögel sehr gut nachahmen können, und das gilt selbst von dem der Nachtigal... Fast jede Nachtigal wechselt indessen ihren Gesang; jede hat etwas Eigenthümliches. Sie sind sehr eifersüchtig aufeinander und suchen sich zu übertreffen, so daß sie sich oft heiser schreyen, sogar Blutgefäße zerreißen, und wie vom Schlag gerührt todt niederstürzen. Manche werden auch aus Ärger ganz stumm und grämen sich zu todt, was schon P l i n i u s gewußt hat...

Die Männchen [singen] im Frühjahr ...fast die ganze Nacht, um die vorbeystreichenden Weibchen anzulocken. Nachher singen sie vom frühen Morgen abwechselnd den ganzen Tag durch. Es gibt aber auch [Nachtigallen], welche immer vor und nach Mitternacht singen, und diese heißen Nachtvögel, andere, welche nur zuweilen des Nachts sich hören lassen, Repetiervögel. Die Nachtsänger lieben bergige Gegenden und pflanzen sich [dort auch] fort. Die Dauer ihres Schlages beträgt etwa 3 Monate, bis die Jungen ausgeschloffen sind, wo nun das Aetzen viel Zeit in Anspruch nimmt. Um Johannis hört er auf und dann fangen die Jungen an zu lernen oder zu dichten, wie man es nennt.

Im Zimmer singen sie länger, die jung eingefangenen 7 Monate lang, wenn sie von einem Alten gelernt haben. Die alt eingefangenen singen bisweilen vom November bis Ostern. Man kann sie höchstens höchstens 8 Jahr lang erhalten, muß sie aber gut behandeln, an einen stillen Ort hängen, während der Singzeit den Käfig mit grüner Gaze oder Tannenreis bedecken, sie gut füttern und ihnen täglich frisches Wasser zum Trinken und Baden geben.

In Kammern oder großen Vogelhäusern legen sie Eyer und pflanzen sich fort. Auch hat man schon auf diese Weise schäckige Bastarde mit dem Rothbrüstchen[Rotkehlchen] bekommen.

Zur Mauserzeit im Frühjahr befinden sie sich nicht wohl, und dann muß man ihnen gutes Futter, zuweilen eine Spinne, auch Safran ins Wasser geben, besonders, wenn sie sich dick machen, die Augen halb verschließen und den Kopf zwischen die Flügel stecken. Oft vereitert die Fettdrüse auf dem Bürzel, wahrscheinlich weil sie im trockenen Zimmer die Federn nicht so oft einschmieren, und die deshalb die Drüse nicht entleeren. Es scheint aber auch unpassende Nahrung schuld daran zu seyn. Schreitet die Eiterung fort, so sterben sie in wenigen Tagen... Man öffnet mit einer Nadel die Drüse und drückt sie aus; biegt der Vogel den Schwanz nach unten, so rupft man ihm die Schwanzfedern aus, weil dann die Säfte zur Bildung der Federn verbraucht werden.

Bey der fallenden Sucht schneidet man den Nagel einer Hinterzehe soweit ab, daß sie blutet, oder taucht den ganzen Körper in kaltes Wasser.

Die meisten Stubenvögel bekommen an der Luftröhre Fettgeschwülste, wobey sie den Schnabel aufsperren und nach einigen Wochen ersticken. Es gibt kein Mittel dagegen; es ist daher am besten, man lasse sie fliegen, obschon es auch nichts helfen soll.

Man hat allerley Mittel ersonnen, die Nachtigallen zu fangen. In manchen Ländern ist es jedoch, und zwar mit Recht, verboten. Wenn die Nachtigal im Freyen singt, so hat jederman Genuß davon, und überdieß vertilgt sie viele Raupen...

Die Nachtigal war auch bey den Alten ein geschätzter Vogel, den man nicht bloß selbst singen ließ, sondern auch besang. Bey den Griechen hieß sie Aedon et Progne, bey den Lateinern Luscinia et Philomela.

Man hat über sie ein eigenes Gedicht von einem unbekannten Verfasser... [in lateinischer Sprache, das von U.Flügler übersetzt so lautet]:

 

Die Nachtigall hat mich dazu gebracht,

die Stimmen der Vögel zu beschreiben,

sie, die durch ihren Gesang alle Vögel übertrifft.

Liebliche Freundin, die du den Trost der Nacht bringst,

denn kein Vogel gleicht dir unter den Vögeln.

Du, Nachtigall, kannst tausend verschiedene Töne,

tausend verschiedene Melodien selbst hervorbringen.

Denn obwohl auch andere Vögel Veränderungen versuchen,

kann doch keiner dir an Vielfalt der Töne gleichen.

Überdies können die Vögel nur am Tage zwitschern,

du kannst aber während der Nacht und am Tage singen...

 

Als Verfassername steht unter dem von Oken nicht vollständig zitierten Gedicht: Auctor Philomelae, was übersetzt Förderer der Nachtigallen heißt.

Im selben Jahr 1807 wie Oken wurde Friedrich Siegmund Voigt Professor in Jena. Er war Botaniker und Direktor des Großherzoglichen Botanischen Gartens. Fast zeitgleich mit Okens Vogelband erschien 1835 innerhalb einer mehrbändigen Naturgeschichte auch von F.S.Voigt ein Lehrbuch über die Vögel. Darin zitiert Voigt die von Oken (s.o.) erwähnten 25 Strophen des "Gesang[s] einer gut schlagenden Nachtigall":

 

Tiuu tiuu tiuu tiuu,

Spe tiu zqua

Tio tio tio tio tio tio tio tix

Qutio qutio qutio qutio

Zquo zquo zquo zquo;

Tzü tzü tzü tzü tzü tzü tzü tzü tzü tzi.

Quorror tiu zqua pipiqui.

Zozozozozozozozozozozozo Zirrhading:

Tsisisi tsisisisisisisi,

Zorre zorre zorre zorre hi;

Tzan, tzan tzan, tzan, tzan, tzan tzan, zi.

Dlo dlo dlo dlo dlo dlo dlo dlo dlo dlo:

Quio tr rrrrrrr itz

Lü lü lü lü ly ly ly ly li li li li *),

Quio didl li lülyli.

Ha gürr gürr quipio

Qui qui qui qui qi qi qi qi gi gi gi gi **)

Goll goll goll goll gia hadadoi.

Quigi horr ha diadiadillsi.

Hezezezezezezezezezezezezezezezeze quarrhozehoi,

Quia quia quia quia quia quia quia quia ti:

Qiqi qi io io io ioioioio qi -

Lü ly li le lä la lö lo io quia,

Hi gaigaigaigaigaigai gaigaigaigai.

Quior zio zio pi.

 

*) Diese ziehenden melancholischen Töne wiederholt ein Vogel 32- 50mal.

**) Dies klingt viel schärfer als das Obige.

 

 

4. Gartenrotschwanz (Phoenicurus phoenicurus)

Bei Oken: Der Garten-Rothschwanz (Sylvia phoenicurus)

 

 

 

 

 ...ist 51/4 Zoll lang, braun, Stirn weiß, Kehle schwarz, Brust und Schwanz rostroth, 2 mittlere Federn dunkelbraun, Schnabel und Füße schwarz; das Weibchen mehr röthlichgrau, die Kehle weißlich, wird aber im Alter dem Männchen gleich.

Finden sich in ganz Europa und im nördlichen Asien, fast überall in Gärten und Weidenwäldchen an Bächen, setzen sich auch auf die Häuser und lassen Morgens und Abends ihr angenehmes Gesang hören. Sie hüpfen und fliegen beständig, und schnellen den Schwanz unaufhörlich.

Sie kommen anfangs Aprils und gehen im Oktober, fressen Insecten und Regenwürmer, auch Beeren. Sie sehen vom Giebel eines Hauses herunter das kleinste Insect sich im Staube bewegen, als wenn ihre Augen Fernrohre wären. Bey schlechtem Wetter sollen sie in der Nähe der Stöcke viele Bienen wegfangen.

Das schlechte Nest aus Gras, Federn und Haaren steht in Weiden- und Mauerlöchern, auch unter den Dächern, enthält 6 apfelgrüne Eyer. Die Jungen verlassen es bald und setzen sich auf Aeste, wo sie unter beständigem Geschrey geätzt werden...

 

 

5. Steinschmätzer (Oenanthe oenanthe)

Bei Oken: Weißschwänziger Steinschmätzer (Saxicola oenanthe)

Im Buch: Der Weißschwanz (Motacilla oenanthe)

 

 

 


...ist 51/2 Zoll lang, Rücken aschgrau. Unten, Stirn und Schwanz weiß, mit schwarzem Ende, durch das Auge ein schwarzer Streifen; Brust rostfarben, Flügel schwarz.

Findet sich in Europa und Asien, kommt zu uns im April auf hochliegende Felder, besonders in Kalkgebirgen, und sitzt gewöhnlich auf den Gränzsteinen und Pfählen, von wo aus er die auf der Erde laufenden Insecten beobachtet, um sie zu holen. Er ist sehr unruhig, läuft und fliegt schnell und jagt sich mit seinesgleichen und den Bachstelzen umher.

[Der Steinschmätzer] bückt sich im Sitzen beständig, breitet den Schwanz aus, ruft hit hit und läßt einen schmatzenden Ton hören, singt auch ein wenig, aber ziemlich krächzend. Er nistet nur einmal in Steinhaufen, Steinbrüche, Uferlöcher mit Halmen und Federn, und brütet 6 grünliche Eyer abwechselnd aus. Nähert man sich, so fliegt das Männchen immer um einen herum und schmatzt.

In England und Italien werden sie im Herbste zu Tausenden gefangen, wie Ortolane in ein Fäßchen eingemacht und versendet...

 

 

6. Bachstelze (Motacilla alba)

Bei Oken: Weiße Bachstelze (Motacilla alba)

Im Buch: Die gemeine [Bachstelze]

 

 

 

 

 ... ist 7 Zoll lang, wovon der Schwanz die Hälfte beträgt; aschgrau, unten weiß, so wie die Stirn; Brust und Schwanz schwarz, der letztere am Rande weiß...

Ist ein allgemein bekannter, artiger Vogel, der in der Nachbarschaft der Wohnungen an den Bächen auf seinen langen Füßen umher läuft, und beständig mit dem Schwanze schnellt. Er geht bis Island und Kamtschatka.

Er watet selbst in das Wasser, um die Larven der Wassermotten [Köcherfliegen] zu holen, geht dem Pflug nach, um andere Larven zu bekommen, hascht auch Fliegen von den Häusern und Bäumen.

Sie kommen mit den ersten Frühlingstagen in großen Gesellschaften, sammeln sich im Herbste, fast wie die Schwalben, auf den Häusern und sind sehr muthwillig. Auf dem Zuge suchen sie ihr Futter im Schilf, wo sie auch schlafen. Auch laufen sie auf den Brachfeldern umher. Sonst halten sie sich auch gern in der Nähe der Viehheerden, weil es daselbst viele Insecten gibt.

Sie machen 2, bisweilen 3 Nester in Weidenbäumen, Steinhaufen, Uferhöhlen, Holzstöße, selbst Strohdächer, aus Halmen, Wurzeln, Moos und Haaren ohne Kunst, legen 6 bläulichweiße, schwarzgesprenkelte Eyer, und brüten sie gemeinschaftlich aus. Da man sie schont, so vermehren sie sich ungemein.

Sobald sie einen Raubvogel sehen, versammeln sie sich aus der ganzen Gegend und fliegen ihm mit großem Geschrey nach. Sie haben ein ziemlich angenehmes, aber nicht lautes Gesang aus vielen an einander hängenden Strophen, welches sie den ganzen Sommer hören lassen. Im Zimmer kann man sie wegen ihrer Unreinlichkeit nicht wohl halten. Sie leben sehr freundschaftlich mit den Baumpiepern, aber keineswegs mit ihren Cameraden...

 

 

7. Alpenbraunelle (Prunella collaris)

Bei Oken: Fluhvogel (Accentor alpinus)

Im Buch: Der Blüttling oder Fluhvogel

 

 

 


...hat einen an den Seiten etwas eingedrückten Schnabel, fast wie die Ammern, und einen starken krummen Nagel an der Hinterzehe, fast wie die Lerchen; Länge fast 7 Zoll, Färbung aschgrau mit dunkelbraunen Flecken, die Kehle weiß mit ähnlichen Flecken, die Seiten braunroth, auf den Flügeln 2 Reihen weißer Flecken.

Bewohnt bloß die Alpen, Pyrenäen und Appenninen, auch den Böhmerwald. [Der Fluhvogel] gleicht in Größe, Gestalt, Lebensart und Gesang viel der Feldlerche und hält sich vorzüglich in der Mitte der Berge auf den höhern Waiden auf, wo er zu 3-8 schreyend umherfliegt und sich alle Hundert Schritt wieder auf den Boden setzt oder auf Felsen.

Des Winters kommen sie in die Thäler, selbst in die Dörfer, um ihre Nahrung zu suchen, die aus Insecten und Heusamen besteht. Sie machen ihr Nest in Steinhaufen zwischen den Alpenrosen aus Moos, Halmen und Haaren, und legen zweymal 5 bläulichgrüne Eyer...

 

 

8. Wacholderdrossel (Turdus pilaris)

Bei Oken: Krammetsvogel (Turdus pilaris)

Im Buch: Der Krammetsvogel oder die Wachholder-Drossel

 

 

 


[Der Vogel ist] etwas kleiner als die Misteldrossel, 10 Zoll lang, Färbung ebenso, aber Kopf und Hals aschgrau. Findet sich in ganz Europa, Rußland und Syrien, brütet jedoch nur im Norden, und kommt zu uns im Winter als Zugvogel. Geht selbst bis nach Italien und Sardinien, wo sie in unsäglicher Menge den Winter zubringen. In ihrer Heimat wohnen sie in Schwarzwäldern und leben von Regenwürmern und Insecten, im Spätjahr von allen Arten von Beeren.

Bey uns kommen sie im November in ungeheuren Schaaren an, und halten sich vorzüglich da auf, wo es Wacholderbeeren gibt, daher die Räthselfrage: Welches der dreyjährige Vogel ist, der dreyjähriges Futter ißt? Sie lieben jedoch auch Vogelbeeren, Weißdorn- und Saurachbeeren. Nur wenn der Winter zu streng wird, gehen sie südlich, und kehren vom März bis zum Mai wieder heerdenweise zurück und fallen des Morgens von 3-8 Uhr auf die Wiesen und Felder, wo sie nun Regenwürmer und Insecten finden. Dann setzen sie sich zusammen auf hohe Bäume und lassen ihre heisere Stimme erschallen bis 12 Uhr, worauf sie weiter reisen bis 7 Uhr, ihr Abendessen einnehmen und sodann zu Hunderten auf einem Baum sich zur Ruhe begeben. Sobald des Morgens ein Vogel schak ruft, stimmen die anderen ein und setzen die Reise fort. Sie sind scheu und fliehen von Ferne.

Im Norden ist ihr eigentlicher Aufenthalt die Birkenwälder, wo sie des Sommers Regenwürmer und Insecten frißt, im Spätjahr Beeren der Bärentraube, Sandbeeren u.s.w. [Sie] nistet schon im März auf Birken mit Halmen und Moos, legt 6 blaßgrüne Eyer mit braunen Flecken. Die Jungen fliegen schon in der Mitte May aus. Man sieht oft auf einem Baum 4-5 Nester. Bey uns fressen sie Vogelbeeren so lang es gibt, dann Wacholderbeeren, Mistelbeeren und zuletzt Weiß- und Kreuzdornfrüchte. In Griechenland, Italien und Sardinien [fressen sie] Feigen, Oliven, Mastix- und Lorbeeren...

Wegen ihres schlechten Gesanges werden [Wachholderdrosseln] nur von den Vogelstellern als Lockvögel in den Zimmern gehalten und mit Gerstenschrot, Semmeln und Möhren gefüttert. Man fängt am meisten im November auf dem Vogelheerd und mit Schlingen, an manchen Orten in einem Winter einige Tausend. Ihr Fleisch ist schmackhaft und gesund, und hat von den Wacholderbeeren eine gewürzhafte Bitterkeit. Es sind Ganzvögel, wovon 2 Stück eine Klupp ausmachen.

Die Römer haben sie nebst Ortolanen, Wachteln und Amseln gemästet. Man hatte so große Vogelhäuser, daß in einem mehrere Tausend Vögel Platz hatten, und dergleichen im Sabinerlande so viele, daß man mit dem Mist die Felder düngte und die Schweine mästete.*

*[...] [* ist ein lateinisches Zitat von Varro, hier übersetzt von U.Flügler: "Im Landgut meiner Tante mütterlicherseits in den Sabinerbergen gibt es ein Vogelhaus, von dem ich weiß, daß 5000 Drosseln zu 300 Denaren [röm.Silbermünzen] verkauft worden sind, so daß dieser Teil dem Landgut 60000 Denare einbrachte, doppelt soviel als dein 200 Jugera [das sind etwa 50 Hektar] großes Landgut dir eingebracht hat."]

Wie ungeheuer groß die Zahl dieser Vögel ist, kann man daraus ermessen, daß in einem Jahr zu Danzig 30.000 Kluppen verzollt wurden. In Ostpreußen glaubt man, daß jährlich 600.000 Kluppen verzehrt werden.

Bei Aristoteles scheint dieser Vogel Trichada geheißen zu haben. Nach Plinius hat die Agrippina, Gemahlinn des Claudius, eine Drossel, welche Worte sprach, was früher noch nicht vorgekommen war. Und zu derselben Zeit hatten seine Söhne, Drusus und Britannicus, einen Staar und Nachtigallen, welche griechische und lateinische Worte sprechen lernten.

Wie von den Vögeln die Drossel,

so sind nach meiner Entscheidung

von vierfüßigem Wild

Hasen das Leckergericht.

Dich reizt Rosengeflecht,

auch ein Kranz aus köstlicher Narde;

Doch mir behaget ein Kranz

lustig aus Drosseln gereiht.

Willmann*

*[...]

Legende

Agrippina lebte von 15-59 n.Chr.

Bärentraube: Arctostaphylos uva-ursi gehört zur Familie der Heidekräuter

Claudius: Römischer Kaiser 10 v.Chr. - 54 n.Chr.

Klupp: Packung zu 2 Stück

Marcus Martial: Römischer Literat

Mastixbeeren: Pistazien

Narde: allgemein eine wohlriechende Pflanze

Ortolan: Gartenammer

Sabinerland: in Mittelitalien

Sandbeeren: Bärentraube - Arctostaphylos uva-ursi

Saurachbeeren: Berberitzenbeeren

Schwarzwälder: Nadelwälder

Marcus Terentius Varro: Röm. Schriftsteller 116-27 v.Chr.

Vogelheerd: Fanganlage mit Netzen

Wacholderbeeren: Krammetsbeeren

 

 

 

9. Rosenstar (Sturnus roseus)

Bei Oken: Rosendrossel (Gracula rosea)

Im Buch: Die Rosendrossel oder der Heuschreckenvogel

(Turdus roseus, Pastor, Acridotheres)

 

 

 


...welche bisweilen nach Europa und selbst nach Deutschland kommt. Sie ist etwas kleiner als die Amsel, 8 Zoll lang, der Leib rosenroth, Kopf mit einer Haube. Hals, Flügel und Schwanz [sind] schwarz. Ihr Vaterland ist Africa, Syrien, Arabien, Persien, Indien und das südliche Rußland, von wo sie bisweilen zu uns kommt.

Sie lebt...vorzüglich von Heuschrecken, und wird dafür von den Türken fast für heilig gehalten. Sie lassen sehr ungern eine tödten.

Zu Aleppo kommt sie im Juny an, wann die Maulbeeren zeitig sind, von welchen sie sich nährt, wann sich noch keine Heuschrecken finden, welche in wenigen Tagen das schöne Grün von ungeheuern Strecken angebauten Landes zerstören, und manchmal schuhhoch selbst auf den Straßen liegen.

[Die Rosendrossel] soll in Baumhöhlen nisten, in Mühlen, und in großen Schaaren fliegen. In Italien erscheint sie manchmal mit den Staaren, macht sich unter die Viehheerden und setzt sich auf den Mist.

Das Fleisch wird für schmackhaft gehalten...

 

 

 

10. Pirol (Oriolus oriolus)

Bei Oken: Goldamsel (Oriolus galbula)

 

 

 

 

Die Widewale oder Pirole (Oriolus) haben einen etwas stärkeren Schnabel als die Drosseln, auch mit einem Zahn, hinten ohne Borsten, Naslöcher oval mit einem Hautrand und unbedeckt, die Füße kürzer und die Flügel länger; sie zeichnen sich durch gelbe Farbe aus. Es sind ungesellige Vögel, welche in Wäldern von Insecten und Beeren leben.

Der g e m e i n e  [Widewal oder Pirol] oder die G o l d a m s e l ...hat die Größe der Amsel, ist aber schlanker, glänzend gelb. Flügel, Mitte des Schwanzes und ein Strich durchs Auge schwarz, Schnabel rund. Die Weibchen sind gelblichgrün, unten weißlich mit schwärzlichen Strichen. Kirsch- und Pfingstvogel.

Findet sich in ganz Europa, aber nur einzeln in Laubwäldern und Gärten. [Er] frißt vorzüglich Raupen, Insecten und deren Eyer, aber auch Beeren, wie Himbeeren, Erd- und Vogelbeeren, besonders aber Kirschen, wovon ein einziges Paar einen ganzen Baum ableeren kann, indem sie nur das Fleisch fressen und daher viele verderben. In wärmern Ländern, wie in Italien, der Levante und in Aegypten, fressen sie auch Maulbeeren und Feigen.

Sie sind scheu und verstecken sich immer im Laub, singen recht angenehm, fast wie die Misteldrosseln. Die Locktöne sind yo und bülo. In der Angst schreien sie kräk. Die Bauern sagen, er singe: Pfingsten, Bier holen, aussaufen, mehr holen! oder auch: hast du gesoffen, so bezahl auch! Die italiänischen Contadino, é maturo lo fico? (Bauer sage, ist schon zeitig die Feige?); im Französischen: C'est le compere l'Oriot, qui mange les cerises, et laisse les noyaux (es ist der Vetter Lorio, der frißt die Kirschen und läßt die Steine).

Im Zimmer muß man sie umherlaufen lassen, ihnen Kirschen geben und sie allmählich mit Semmeln, Milch und Ameisenpuppen an das Nachtigallenfutter gewöhnen. Aber dennoch dauern sie kaum ein Jahr aus.

Er kommt bey uns erst im May an, geht schon wieder im August, überwintert in Africa und brütet daher bey uns nur einmal. Er macht ein sehr künstliches, beutelförmiges Nest und setzt es fast frey schwebend in eine Astgabel, woran es mit Fäden und Wolle bevestigt ist. Es selbst besteht aus Halmen, Moos, Flechten und Wolle, und ist gegen 6 Zoll hoch und 3 dick. Die 5 Eyer sind weiß, am stumpfen Ende schwarzbraun gefleckt und werden in 15 Tagen gemeinschaftlich ausgebrütet. Die Jungen muß man mit Ameisenpuppen aufziehen...

 

 

 

 

 

11. Kahlkopfatzel (Sarcops calvus)

Bei Oken: Kahlamsel (Gymnops calvus)

Im Buch auch: Die graue Kahlamsel (Gracula valva)

Die K a h l a m s e l n ... haben einen Schnabel wie Pirole, aber runde Naslöcher ...und einen großentheils kahlen Kopf.

Die g r a u e [Kahlamsel]...hat die Größe der Amsel, ist silbergrau, unten graulichbraun, Flügel und Schwanz schwarzbraun. Der ganze Kopf ist nackt und fleischfarben; ein Federstreif nur in der Scheitellinie. Findet sich auf den Philippininen, macht viel Lärm, nistet in Löcher der Cocosbäume, lebt von Früchten und ist so gefräßig, daß man von ihr sagt, sie hätte einen ganz geraden Darm von vorn bis hinten..

 

 

 

 


12. Graurücken-Leierschwanz

(Menura novaehollandia)

Bei Oken: Leyerschwanz (Menura superba)

[Der Leyerschwanz] wird von manchen zu den Hühnern gestellt, gehört aber wahrscheinlich wegen der fast ganz getrennten Zehen und des ziemlich langen, dreyeckigen und spitzigen Schnabels mit einem Zahn hieher. Die Naslöcher sind groß, mit einem Hautrand und Federn bedeckt. Der Leib ist schlank und von der Größe des grünbeinigen Wasserhühnchens, die Färbung hellbraun.

Das Weibchen hat 12 gewöhnliche Schwanzfedern, welche beym Männchen sehr schmal sind und 2 Schuh lang. Es hat noch 2 innere, 28 Zoll lang, und leyerförmig gebogen, mit sehr großer, am Ende fast scheibenförmig gestalteter Fahne. Dieser prächtige Vogel lebt in Neuholland in Wäldern, ist aber in seiner Lebensart noch nicht weiter bekannt, obschon er sich fast in den meisten Sammlungen findet. Er ist theuer, und das Stück kann auf 50 fl. kommen...

 

 

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Stand: 18.04.2009